Fußball ist Fußball und Politik bleibt Politik?

Nicht nur unter rechten Fußballfans ist die strikte Trennung von Politik und Fußball beliebt. Oben genannter Satz wird zumeist dann propagiert wenn seitens antirassistischer oder antifascistischer Ultragruppen auf Defizite in der eigenen Fanszene hingewiesen wird. Die Einheit der Kurve stehe auf dem Spiel.

Deutschland-Fans bei der letzten WM.

Trotz aller Kampagnen von DFB und UEFA gehören rassistische Ausfälle in vielen Stadien nach wie vor zum Ligaalltag. Besonders aus den Ostblockstaaten werden immer wieder Skandale wie rassistische, antisemitische und homophobe Parolen bekannt. Wer sich als vermeintlicher Polinezyjczyk (frei übersetzt: Kanake) in polnische Stadien wagt, muss selbst in den ruhigeren Logen des Stadions mit körperlichen Übergriffen rechnen.

Bereits seit einigen Jahren ist ein massiver Rechtsruck in den osteuropäischen Ländern zu vermerken. So berichtet Amnesty International von einem starken Anstieg “rassistischer und fremdenfeindlicher Übergriffe gegen Muslime, Roma und Menschen afrikanischen Ursprungs (…)” unter anderem in Polen. Es ist nicht verwunderlich, dass dieser generelle Rechtsruck sich in all seiner Härte auch in den Fußballstadien des Ostblocks wiederspiegelt.

In der Ukraine wurde wenige Wochen vor Beginn der EM die “Pride Parade” in Kiew durch Nationalisten verhindert. Die Organisatoren der Parade zur Emanzipation homosexueller Menschen wurde bereits vor Beginn der Veranstaltung mit Pfefferspray attackiert und krankenhausreif geprügelt. Der Staat schien nicht willens oder fähig zu sein das verfassungsmäßige Recht auf Demonstrationsfreiheit durchzusetzen, geschweige denn, den Veranstalter zu schützen.

Im Zuge der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland kam eine Diskussion über Angstzonen – sogenannte “No Go Areas” – auf. Kritiker merkten damals an, dass es im bunten Deutschland durchaus noch braune Zonen gäbe, die Menschen bestimmter “Kulturkreise” besser meiden sollten. Aus einem Bericht der BBC geht hervor, dass in Polen und der Ukraine lediglich kleine Bereiche im Umfeld der Stadien als Schutzraum vor rassistischen Übergriffen gelten könnten. Die “No Go Areas” Deutschlands scheinen lächerlich angesichts der Situation in den Staaten des Ostblocks.

Angesichts dieser Situation eine Trennung von Fußball und Politik zu fordern, gleicht einer Auslieferung der bedrohten Menschen an den Mob. Ein Bad im brüllenden, röhrenden und saufenden deutschen Fangetümmel vor großen Leinwänden ohne offene Augen dafür zu haben, was in Polen und der Ukraine Alltag ist, steht exemplarisch für den ignoranten Umgang der westlichen EU-Staaten mit den zum Teil nicht hinnehmbaren Zuständen in den Oststaaten. Stattdessen dient des Volkes Opium in Form des Schauens und Feierns der Fußballpartien in volksgemeinschaftlicher Manier z.B. vor dem Johannistor als Teil des Resultats, was der “Meister der Vergangenheitsbewältigung Deutschland” bis heute in den Köpfen seines Gesindes erreicht hat.

Fans von Karparty Lviv (Lemberg)

Rassistische, homophobe und antisemitische Gewalt (oder das Wegschauen bei ebensolcher) kann somit als affirmatives Element der durch rechte Hools propagierten Trennung von Fußball und Politik verstanden werden. Und damit scheint man sich ziemlich wohl zu fühlen.

Wir solidarisieren uns hiermit mit dem italienischen Fußballspieler Balotelli, der in einem Interview mit der “France Football” auf folgendes hinwies:

“Wenn mich jemand auf der Straße mit einer Banane bewirft, werde ich ins Gefängnis gehen müssen, weil ich denjenigen umbringen werde.”

Weitere Infos zum Thema Nationalismus, die hier nicht weiter behandelt werden sollen gibt es hier auf der Kampagnen-Seite “Kein Bart für Deutschland” von Fast Forward.

Einen kritischen Beitrag zu der oben genannten BBC-Doku gibt es noch bei Publikative.org, auf den wir an dieser Stelle genauso verweisen wollen, wie auf zwei weitere Beiträge. Der eine beschäftigt sich mit “dem unpolitischen Wir der Fanszene” der andere nimmt Bezug auf die EM in der Ukraine.

 

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